Mehr über die Ausstellung
ANATOMY OF PRESENCE versteht sich nicht als klassische Gruppenausstellung. Stattdessen entstanden drei eigenständige, miteinander im Dialog stehende Präsentationen. Alle drei Künstler:innen – Vivian Caccuri, Lucia Koch und Henrique Oliveira – entwickelten ihre Arbeiten gezielt für die Ausstellung und stimmten sie auf die besonderen architektonischen Gegebenheiten des SCHAUWERK mit seiner großen Shedhalle und dem ehemaligen Hochregallager ab.
Was ihre drei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze verbindet, ist das Interesse an sinnlicher Wahrnehmung und an der Rolle des Körpers dabei. Klang und Vibration, Licht und Farbe, Material und räumliche Ausdehnung lassen sich nicht allein im Sehen erfassen. Wir bewegen uns durch die Installationen und werden damit selbst Teil der Situationen, die sie erzeugen. Präsenz bedeutet hier zugleich, sich seiner Umgebung, der Anwesenheit anderer und seines eigenen Körpers bewusst zu werden. Hierfür möchte die Ausstellung sensibilisieren.
Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) schrieb, der Körper sei unser Mittel überhaupt, eine Welt zu haben. Der Philosoph Gilles Deleuze (1925–1995) und der Psychoanalytiker Félix Guattari (1930–1992) schlugen vor, einen Körper nicht über seine anatomischen und biologischen Merkmale zu definieren, sondern über seine Affekte. An ein solches Verständnis des Körpers lässt sich auch das Konzept des „Embodiment“ (dt. Verkörperung) anschließen. Mit diesem Begriff beschreiben Forscher:innen aus Bereichen wie der Kognitionswissenschaft, der Philosophie und der Psychologie die enge Verschränkung von Körper, Wahrnehmung und Geist. Erfahrung wird nicht als reines Produkt mentaler Prozesse verstanden, sondern als etwas, das im Zusammenspiel von körperlicher Präsenz und sinnlicher Beziehung zur Umwelt entsteht. Der Körper fungiert demnach nicht lediglich als ein „Behältnis des Geistes“, sondern vielmehr als aktives Medium, durch das die Welt überhaupt erst erfahrbar und bedeutungsvoll wird.
In einer Gegenwart, die zunehmend von Bildschirmen und virtuellen Erfahrungen geprägt ist, gewinnt dieses Verständnis neue Bedeutung. Präsenz meint dabei mehr als die bloße physische Anwesenheit an einem bestimmten Ort. Sie bezeichnet einen aufmerksamen Zustand, in dem wir uns bewusst auf die Wahrnehmung unserer Umgebung einlassen. Indem wir uns gemeinsam mit anderen Besucher:innen durch die Ausstellung bewegen, entsteht zugleich die Vorstellung eines kollektiven Körpers: Die individuelle Wahrnehmung bleibt bestehen, wird jedoch Teil eines gemeinsamen Erfahrungsraums.
Kunsthistorisch stehen die drei Künstler:innen damit in einer besonderen Tradition brasilianischer Kunst. Seit den späten 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte sich in Brasilien eine eigenständige Ausprägung der Installationskunst, bei der das unmittelbare körperliche Erleben zunehmend in den Mittelpunkt rückte. Künstler:innen wie Lygia Clark, Hélio Oiticica und Lygia Pape verstanden Kunst nicht mehr nur als visuelles Objekt, sondern als etwas, das mit dem ganzen Körper erfahren werden kann – durch Bewegung, Berührung, räumliche Wahrnehmung und aktive Beteiligung. Dieses Interesse wirkt in der brasilianischen Kunst bis heute fort. Wie die Arbeiten der Ausstellung verdeutlichen, bilden Sinnlichkeit und konzeptuelles Denken dabei keine Gegensätze: Klang, Farbe, Licht oder Material können unmittelbar wirken und gleichzeitig dazu dienen, gesellschaftliche oder philosophische Fragen aufzuwerfen.
Der Herkunftskontext der Künstler:innen bildet nicht das zentrale Thema der Ausstellung, eröffnet jedoch eine weitere Ebene für das Verständnis der drei Positionen. Brasilien ist von kultureller und gesellschaftlicher Vielschichtigkeit sowie starken Gegensätzen geprägt: Dicht bebaute Metropolen treffen auf weitläufige Naturräume, formelle auf informelle Strukturen. Aspekte dieser Spannungsverhältnisse lassen sich auf unterschiedliche Weise auch in den Arbeiten von Caccuri, Koch und Oliveira entdecken.
Die Sammler und Brasilien
Die Idee für die Ausstellung ANATOMY OF PRESENCE mit brasilianischen Kunstpositionen entsprang der Biografie des Sammlerpaars Peter Schaufler (1940–2015) und Christiane Schaufler-Münch (1934–2025).
Als Inhaber und CEO der Unternehmensgruppe BITZER sah Peter Schaufler sein Lebenswerk in der Verbindung von Unternehmertum mit der Förderung von Kunst, Wissenschaft und Forschung. BITZER ist der weltgrößte unabhängige Hersteller von Kältemittelverdichtern mit Vertriebsgesellschaften und Produktionsstätten weltweit. In den 1970er-Jahren zogen Peter Schaufler und Christiane Schaufler-Münch nach Brasilien, um die Präsenz von BITZER im Land zu stärken und die Beziehungen zum lokalen Markt auszubauen. Peter Schauflers Verbundenheit mit Brasilien war so groß, dass er die brasilianische Staatsbürgerschaft annahm. Die Geschichte von BITZER in Brasilien reicht bis in die 1950er-Jahre zurück, als die ersten langsam laufenden offenen Kältemittelverdichter in das Land eingeführt wurden. In den 1990er-Jahren entwickelte sich Brasilien zum Zentrum der lateinamerikanischen Aktivitäten von BITZER und legte damit den Grundstein für das weitere Wachstum des Unternehmens in ganz Südamerika. Heute beschäftigt BITZER Brasil rund 150 Menschen und ist ein wichtiger Pfeiler der Aktivitäten der BITZER Gruppe in der Region.
Für Peter Schaufler und Christiane Schaufler-Münch waren die Jahre in São Paulo prägend. Die Energie, Widersprüchlichkeit und sinnliche Intensität der Stadt, die im Kontrast zu ihrem Alltag in Stuttgart standen, beeinflussten sie nachhaltig. Sie entdeckten ihre Leidenschaft für die brasilianische Lebensart und erlebten eine Zeit, die sie rückblickend als die glücklichste ihres Lebens beschrieben.
ANATOMY OF PRESENCE überträgt dieses besondere Lebensgefühl in das SCHAUWERK Sindelfingen, das das Sammlerpaar 2010 eröffnete. Die besondere Architektur des Museums – hervorgegangen aus einer ehemaligen Fertigungs- und Lagerhalle der Firma BITZER – bildet hierfür eine ideale Kulisse.
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SCHAUWERK Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
71065 Sindelfingen | Germany
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