1 = Henrique Oliveira, Burned Bridges, Eternal Return, 2026, Gebrauchtes Sperrholz, Sperrholz, Holzkohle, Pappmaché, Gips, Farbe und Metall, © Henrique Oliveira, Courtesy of Almeida & Dale Gallery, São Paulo and Galerie GP&N Vallois, Paris
2 = Henrique Oliviera, Oito de Paus, 2021, Baumrinde, Aststümpfe, Pappe, Sperrholz und Klebstoff, © Henrique Oliveira, Courtesy of Almeida & Dale Gallery, São Paulo and Galerie GP&N Vallois, Paris
Henrique Oliveira (*1973) ist für seine raumgreifenden Holzinstallationen bekannt. Seine dreiteilige Arbeit Burned Bridges, Eternal Return besitzt architektonische Ausmaße und wurde über mehrere Wochen vollständig vor Ort gefertigt. Sie reagiert unmittelbar auf die Architektur der Shedhalle und verschmilzt förmlich mit ihr: Aus Boden und Wänden brechen stammartige Elemente hervor, während sich im Zentrum ein großes, biomorphes Gewächs bis knapp unter das Dach aufbläht. Die unterschiedlichen Brauntöne des Holzes und die geschwungenen Formen bilden einen deutlichen Kontrast zur orthogonalen Architektur und den weißen Flächen des Museums. So erscheint die Arbeit fast wie ein lebendiger Organismus, der sich im Raum ausbreitet.
Charakteristisch für Oliveiras Installationen ist die Verwendung von gebrauchtem Sperrholz. Die dünnen Stücke werden von Hand gebrochen und in Schichten über eine hölzerne Unterkonstruktion gelegt. Der Künstler versteht die unterschiedliche Färbung und Flecken des alten Holzes als „malerische“ Qualität und setzt verschiedenfarbige Stücke wie Pinselstriche nebeneinander. Oliveiras künstlerische Laufbahn begann in der Malerei, die er bis heute betreibt. Die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Architektur bleiben in seinem Werk bewusst offen.
Mit seinem Material verweist Oliveira auf den urbanen Raum brasilianischer Großstädte wie São Paulo. Unter der Bezeichnung „tapumes“ (vom Portugiesischen „tapar“, dt. „verdecken“) werden dort Sperrholzplatten als Baustellenzäune eingesetzt. Haben sie hierfür ausgedient, werden sie zum Baumaterial für die Bewohner:innen der Favelas, jener Armenviertel, die sich in den urbanen Zwischenräumen und am Rande der Städte bilden. Das Material bezieht sich damit sowohl auf die von Abriss und Neubau geprägten, sich ständig verändernden Metropolen als auch auf die sozialen Gegensätze innerhalb der brasilianischen Gesellschaft.
Zugleich ist Sperrholz ein industriell verarbeitetes Naturprodukt. Einst ein Baum, wird es zum Baustoff und schließlich zu Abfall. Oliveira sammelt dieses ausgediente Material und formt daraus Gebilde, die erneut an gewachsene Natur erinnern. Auch der Titel Burned Bridges, Eternal Return lässt sich auf diesen Kreislauf beziehen. Die englische Redewendung „to burn one’s bridges“ (dt. „alle Brücken hinter sich abbrechen“) bezeichnet einen endgültigen Bruch, der eine Rückkehr unmöglich macht. Dem steht die „ewige Wiederkehr“ (engl. „eternal return“) gegenüber. Was abgeschlossen und verbraucht erscheint, kehrt bei Oliveira in veränderter Gestalt zurück. Darin lässt sich eine Erfahrung wiedererkennen, die sich in Brasilien ebenso machen lässt wie überall sonst auf der Welt: Wurzeln brechen Asphalt auf, verlassene Gebäude werden früher oder später durch die Vegetation zurückerobert.
Zentral für das Erleben der Arbeit ist die Bewegung. Oliveira lädt dazu ein, durch den Raum zu streifen, die hölzernen Gebilde zu umrunden und ihre räumlichen Bezüge aus unterschiedlichen Perspektiven zu erkunden. Der mittlere Teil der Installation fungiert sowohl als skulpturales Objekt sowie als begehbarer Raum. Geht man durch den höhlenartigen Eingang, gelangt man in einen kleineren White Cube, in dem die Arbeit Oito de Paus (2021) präsentiert wird. Ihre Oberfläche aus Baumrinde erinnert zunächst an einen natürlich gewachsenen Stamm, doch ihre Form widerspricht diesem Eindruck. Sie beschreibt eine liegende Acht, das Symbol für Unendlichkeit. Auch der räumliche Aufbau der Installation spielt mit einer verwandten Idee. Er erinnert an eine Matroschka, jene russischen Holzpuppen, in deren Inneren sich jeweils eine kleinere, gleichartige Figur verbirgt. Eine Struktur erscheint noch einmal innerhalb ihrer selbst. Bei Oliveira wird diese Wiederholung nicht nur sichtbar, sondern körperlich nachvollziehbar, indem wir eine räumliche Schicht nach der anderen durchqueren. Darin verdichtet sich das zentrale Leitmotiv der gesamten Arbeit: die Vorstellung von Wiederholung, Rückkehr und einem potenziell endlosen Kreislauf.
Henrique Oliveira (*1973 in Ourinhos, São Paulo)
Lebt und arbeitet in São Paulo, Brasilien, und London, Großbritannien.
Seine Arbeiten wurden in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter:
2025: 14. Taipei Biennale: Whispers on the Horizon, Taipeh, Taiwan; Archistories. Architektur in der Kunst, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Deutschland.
2023: Memento Habilis, Galeria Millan, São Paulo, Brasilien.
2015: Fissure, Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, Paris, Frankreich.
2014: Transarquitetonica, Museu de Arte Contemporânea, São Paulo, Brasilien.
2013: Baitogogo, Palais de Tokyo, Paris, Frankreich; SAM Art Projects, Paris, Frankreich.
2012: Centro Municipal de Arte Hélio Oiticica, Rio de Janeiro, Brasilien; Ursulinens Prolapse, Offenes Kulturhaus, Linz, Österreich.
Oliveiras Werke sind in den ständigen Sammlungen zahlreicher Institutionen und Museen zu finden, darunter das Virginia Museum of Fine Arts, Richmond (VA), USA, das Museu Afro-Brasil, São Paulo, Brasilien, und die Queensland Art Gallery, Brisbane, Australien. Außerdem wurde er 2010 mit dem renommierten Artist Research Fellowship des Smithsonian und mit der Fountainhead Residency in den Fountainhead Studios in Miami (FL), USA, ausgezeichnet.
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