Vivian Caccuri

Werkangaben

1 = Vivian Caccuri, Overheated System, 2026, Betonboxen, Eisenoxid, Lautsprecher, Spanngurte, analoger Synthesizer, Verstärker, Audiokabel, Mikrofonständer und Kerzen, © Vivian Caccuri, Courtesy of Vivian Caccuri Studio

2 = Vivian Caccuri, Ash Fossil I, 2026, Moskitonetze, Baumwolle, Polyester, Acrylharz, Acryl, Holzkohle und Eisenoxid, © Vivian Caccuri, Courtesy of Vivian Caccuri Studio

3 = Vivian Caccuri, Ash Fossil II, 2026, Moskitonetze, Baumwolle, Polyester, Acrylharz, Acryl, Holzkohle und Eisenoxid, © Vivian Caccuri, Courtesy of Vivian Caccuri Studio

ausführliche Credits
(PDF, 86 KB)

Mit Installationen, Soundskulpturen, Performances und Textilarbeiten erforscht Vivian Caccuri (*1986), wie Klänge Wahrnehmung prägen, auf den Körper wirken und Menschen miteinander verbinden.

Für ANATOMY OF PRESENCE entwickelte sie die raumgreifende Soundinstallation Overheated System. Im Zentrum steht ein analoges, modulares Synthesizersystem, das nach den Vorstellungen der Künstlerin eigens für die Arbeit gefertigt wurde. Caccuri konfigurierte und verschaltete das System selbst und legte damit die klanglichen Bedingungen fest, unter denen es arbeitet. Drei Oszillatoren erzeugen Schwingungen unterschiedlicher Frequenzen, die miteinander kombiniert werden. Die Frequenz bestimmt die Tonhöhe, die Form der Schwingung beeinflusst den Klangcharakter. Auf diese Weise komponiert Caccuri die entstehende Soundscape bis zu einem gewissen Grad, ohne ihren Verlauf vollständig festzulegen. Aus dem Zusammenspiel einzelner Elemente entsteht eine sich fortlaufend wandelnde Klanglandschaft, die den gesamten Raum erfasst.

In ihrer Präsentation, zu der neben Overheated System auch die beiden Tapisserien Ash Fossil I und Ash Fossil II gehören, verweist Caccuri auf den französischen Schriftsteller und Philosophen Georges Bataille (1897–1962) und dessen Vorstellung eines energetischen Überschusses. Bataille ging davon aus, dass sich überschüssige Energie, die nicht für Wachstum oder einen bestimmten Zweck genutzt werden kann, verausgaben muss. Caccuri greift diesen Gedanken auf und überträgt ihn auf akustische, körperliche und materielle Prozesse.

Tiefe Frequenzen durchziehen den Raum, bewegen die Luft und versetzen die Kerzenflammen vor den Lautsprechern in Bewegung. Die unsichtbaren Schwingungen werden dadurch sichtbar und zugleich körperlich spürbar.

Die Gestaltung erinnert an einen Kirchenraum als Ort der Zusammenkunft und gemeinschaftlichen Erfahrung. Caccuri sieht Parallelen zwischen religiösen Ritualen, Konzerten, Raves und Partys. Eine Wand aus Lautsprechern strukturiert die Installation wie ein Altar und lädt die Besucher dazu ein, sich vor ihr zu versammeln. Der Körper wird dabei selbst zum Resonanzraum und nimmt die Vibrationen nicht nur über das Gehör, sondern unmittelbar physisch wahr.

Eine zentrale Rolle spielen die zahlreichen Kabelverbindungen. Sie verweisen auf das in Brasilien als „gatonet“ bekannte Phänomen improvisierter und meist irregulärer Telekommunikationsnetze. Für Caccuri stehen solche Strukturen für komplexe Verbindungen und Ströme, deren Ursprung und Verlauf oft nicht mehr nachvollziehbar sind. Entsprechend erfüllen manche Kabel konkrete Funktionen, während andere lediglich den Eindruck eines dichten Netzwerks erzeugen. Einige der in gelbem Beton gefassten Lautsprecher sind Attrappen und wirken wie Relikte eines Systems, das außer Betrieb geraten ist oder darauf wartet, wieder aktiviert zu werden.

Die beiden Tapisserien Ash Fossil I und Ash Fossil II bestehen aus Moskitonetzen und sind mit Eisenoxid und Acrylfarbe bearbeitet. Durch Oxidationsprozesse verändert sich deren Farbigkeit und macht chemische Transformation sichtbar. Wellenförmige Öffnungen im Gewebe erinnern an grafische Darstellungen von Klangwellen, während Risse und großflächige Schichten von Eisenoxid die Regelmäßigkeit der Netze durchbrechen.

Als poröse Gewebe treten die Tapisserien in einen inhaltlichen Dialog mit Overheated System. Während dort Schall, Vibration und Bewegung unmittelbar erfahrbar werden, schreiben sich zeitliche und materielle Transformationsprozesse in den Tapisserien direkt in die Oberfläche ein.

Biografie

Vivian Caccuri
Geboren 1986 in São Paulo, Brasilien.
Lebt und arbeitet in Rio de Janeiro, Brasilien.

Ihre Arbeiten wurden in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter:

2025: Fantasma Boca, Fondazione Antonio Ratti, Como, und Ocean Space, Venedig, Italien. 2024: Febre da Selva Elétrica, Galeria Municipal do Porto, Porto, Portugal; Phantom Dust, in: 6 1⁄2 Weeks, Folkwang Museum, Essen, Deutschland. The Shadow of Spring, New Museum, New York, USA.
2021: The Musical Brain, High Line Arte, New York, USA.
2019: Febre Amarela, A Gentil Carioca, Rio de Janeiro, Brasilien; 58. Biennale von Venedig, Italien; The Shape of a Circle in the Mind of a Fish with Plants, Serpentine Galleries, London, Vereinigtes Königreich.
2018: Água Parada, Museo de Arte Contemporáneo de Niterói und Galeria Leme, São Paulo, Brasilien; Fort Kochi Muziris Biennale, Kochi, Indien.
2017: Future Generation Art Prize im Pinchuk Art Center, Kiew, und im Palazzo Contarini Polignac, Italien.
2012: Funarte-Preis für kritische Produktion in der Musik.

Caccuris Werke befinden sich in den Sammlungen der Pinacoteca do Estado de São Paulo, Brasilien; Gilberto Chateaubriand Collection MAM Rio, Brasilien; Inhotim Institute, Brumadinho (MG), Brasilien; Pérez Art Museum Miami (FL), USA, und ICA Miami (FL), USA, sowie der Berggruen Collection, Berlin, Deutschland

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