Inspiriert von der Geschwindigkeit und dem Trubel der Großstadt entdeckt Schifano während seines New York-Aufenthalts 1963/64 ein neues Thema für sich: Menschen in Bewegung. In When I remember Giacomo Balla, New York City 1964 (1964) setzt er Figuren in Schrittstellung, deren schwarze Umrisse mehrfach wiederholt und teilweise überlagert sind, auf eine mit Packpapier bezogene Leinwand. Das Ergebnis erinnert an das Vorbeiziehen anonymer Menschenmassen.
Schifano verknüpft hier die Beobachtung der Realität mit einer Referenz auf den Futurismus, eine bedeutende italienische Strömung in der Kunst und Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Der im Titel genannte Giacomo Balla war einer ihrer zentralen Vertreter und hatte ähnliche bildnerische Mittel eingesetzt, um die Dynamik der Moderne in seinen Werken auszudrücken. Schifano greift dieses Erbe auf, jedoch nicht als nostalgische Rückschau, sondern mit dem Ziel, eine eigene, zeitgenössische Bildsprache zu entwickeln.
Während seiner Zeit in New York wird er zur Teilnahme auf der legendären Biennale in Venedig eingeladen, auf der die amerikanische Pop Art Einzug hält. Zusammen mit zwei weiteren New Yorker Arbeiten stellt er sein futuristisches Werk im italienischen Pavillon aus.
Eine Hommage an die Futuristen findet sich auch in Futurismo rivisitato (1966), das zu einer von Schifanos umfangreicheren Serien gehört. Das Werk basiert auf einem berühmten Gruppenfoto, das einige der führenden Futuristen 1912 in Paris zeigt. Schifano überträgt die fünf Männer in seiner „Neuinterpretation“ mithilfe von Schablonen und schwarzer Sprühfarbe in ein großformatiges Gemälde. Den Titel setzt er plakativ mit roten Lettern darüber. Das Ergebnis könnte auch das Cover einer zeitgenössischen Rockband sein.
Bemerkenswert ist, dass der Künstler nun nicht mehr die Werke der Futuristen selbst aufgreift, sondern ein mediales Bild, ein Foto. Darin spiegelt sich eine veränderte Haltung wider, die sich auch in der Technik und Materialwahl zeigt. Statt klassischer Malerei in Öl oder Acryl verwendet Schifano Sprühlack und versieht das Bild mit einer Acrylglashaube, die wie eine Linse im Objektiv eines Fotoapparats den Blick auf die Leinwand filtert. Wie die Futuristen ist Schifano auf der Suche nach einer Bildsprache, die mit ihrer Zeit schritthält.
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