Landschaft ist eines der zentralen Themen im Werk Schifanos. Das Motiv, dessen Darstellung der Künstler immer wieder verändert und neu befragt, zieht sich durch sein gesamtes Schaffen.
Schifanos frühe Landschaften entstehen aus seinen Monocromi heraus. In Particolare di paesaggio (1963) deutet sich sein Zugang an: Es geht ihm nicht um die naturalistische Wiedergabe einer Landschaft, sondern um deren Konstruktion. In ein Rechteck mit abgerundeten Ecken gesetzt, das an den Sucher einer Kamera erinnert, wird die Natur zu einem Ausschnitt und einer stark vereinfachten Komposition. Das Wort „particolare“ (dt. Detail) taucht in mehreren Werken Schifanos auf und verweist darauf, dass die Darstellung einer Landschaft immer nur ein Detail ist, das die Grenzen des menschlichen Blicks simuliert. Oder, wie in diesem Fall, eher den Sucher einer Kamera.
Il mare approssimativamente (1965) besteht aus drei übereinander gehängten Leinwänden, die grob mit weißen Pinselstrichen überzogen und von drei unterschiedlich gefärbten Acrylglashauben bedeckt sind. Das Meer erscheint nur noch als Idee, als Konstruktion, in bewusster Distanz. Der aufgesprühte Titel (dt. Das Meer, ungefähr) spielt ironisch auf die Unmöglichkeit an, die Natur tatsächlich abzubilden. Malerei ist immer eine Annäherung, nie eine exakte Nachbildung. Schifano sagt dazu: „Ich bevorzuge Werke, die viel Raum für Interpretation lassen. Im Grunde genommen ist auch ein Landschaftsgemälde ein abstraktes Bild.“
Il mare approssimativamente ist auf das Wesentliche reduziert – Wasser, Horizont, Himmel, Farben. Die Landschaft ist entleert. Viele dieser sehr reduzierten Landschaftsbilder betitelt Schifano auch als Paesaggio anemico (dt. Blutleere Landschaft). Die Reduktion der Bildelemente und die künstliche Farbigkeit sowie Materialität des Acrylglases betonen: Hier wird nicht Natur dargestellt, sondern das Bild einer Landschaft.
Neben Acrylglas und ins Bild gesetzten Wörtern, nutzt Schifano häufig auch Rahmenformen, die ebenso als Filter fungieren: Sie markieren den Abstand zwischen Auge und Wirklichkeit und machen sichtbar, dass jede gemalte Landschaft eine Vermittlung ist, ein Bild vom Bild. Solche „Rahmen“ finden sich besonders in vielen der späteren Landschaften wie Acquatico (1983) oder Vena madre (1985). In beiden Arbeiten wird die gestische Malerei ringsherum von einem weißen Streifen unbemalter Leinwand gefasst.
Nach den fotografisch geprägten 1970er Jahren, entdeckt Schifano in den 1980er Jahren die reine Malerei neu. Spontan, körperlich und lebendig, vermitteln die Werke dieser Jahre eine neue Lust an Farbe und Geste. Die Leinwände sind großformatig, die Farbe häufig pastos und teils direkt aus der Tube aufgetragen.
Acquatico gehört zu einer Werkserie, welche die berühmten Seerosenbilder des französischen Impressionisten Claude Monet aufgreift und neu interpretiert. In den bunten, tropfenden Kringeln – die von der Geschwindigkeit und Dynamik des Entstehungsprozesses zeugen – klingt das Motiv der Seerosen lediglich an.
Vena madre stellt eine nackte Frau in einem Kornfeld dar und kann als eine Verbildlichung von Fruchtbarkeit interpretiert werden. Entstanden im Jahr der Geburt seines Sohnes Marco, fällt das Werk in eine Phase des persönlichen Neubeginns nach schwierigen Jahren und einem Drogenentzug. Diese Landschaften strotzen in ihrer Ausführung vor Lebensenergie, auf die auch das mystische Motiv anspielt. Zugleich sind die Werke dieser Jahre auch eine Reaktion auf die italienische Transavanguardia-Bewegung und den Neoexpressionismus, die in dieser Zeit für eine Rückkehr zur expressiven Malerei stehen.
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