„Es fällt mir zuerst ins Auge, bevor es mein Gefühl anspricht“ – der Titel der Arbeit Entra nel mio occhio prima che nel sentimento 1965 (1964) bringt Schifanos Verständnis von Malerei auf den Punkt. Für ihn entsteht ein Bild aus einem visuellen Impuls, nicht aus Emotion oder Erzählung.
Die Papierarbeit gehört zu einer Werkgruppe, in der das Motiv des Fensters zentral ist. Sie basiert auf dem schmalen, hohen Fenster mit schmiedeeiserner Brüstung in Schifanos Wohnung im römischen Stadtteil Trastevere, in der Vicolo delle grotte 52. Dieses reale Detail wird zur symbolischen Schwelle zwischen Innen und Außen, seinem Atelier und der Welt.
Schon in der Renaissance beschrieb der Theoretiker Leon Battista Alberti Gemälde als „offene Fenster“, durch die Betrachtende auf eine andere Wirklichkeit blicken. Schifano greift diese Vorstellung auf, doch seine Fenster öffnen sich ins Unbestimmte.
In Vicolo delle grotte 52, dall'interno presto la mattina (1966) zeigt Schifano einen größeren Ausschnitt des sich ins Nichts öffnenden Atelierfensters. Eine geriffelte Acrylglashaube, die er über das Bild legt, verleiht dem Motiv zusätzlich eine Unschärfe. Das assymmetrische, zweiteilige Format wirkt, als habe der Künstler die Leinwand erweitert, um dem Bild buchstäblich mehr Raum zu geben. Ein Ausbruch aus der konventionellen Praxis traditioneller Malerei. Die Einbettung des Titels ins Bild fügt eine zusätzliche sprachliche Ebene hinzu, die wie ein leiser Luftzug durch das Gemälde zieht.
Die Fensterbilder sind Vorläufer späterer Arbeiten, die stark von Massenmedien geprägt sind. Da Schifano zeitweise kaum sein Atelier verlässt, wird zunächst das tatsächliche Fenster und später der Fernseher zu seinem „Fenster zur Welt”, durch das die Bilder zu ihm gelangen.
Mit Io sono infantile (1966) (dt. Ich bin kindlich) formuliert der Künstler ein weiteres poetisches Selbstbekenntnis, in dem sich seine künstlerische Haltung verdichtet. Das Werk bewegt sich zwischen einem Zitat der Illustrationen zu den Geschichten von Winnie the Pooh und einer ironischen Anspielung auf Marcel Duchamps berühmtes Gemälde Akt, eine Treppe hinabsteigend von 1912.
Das „Kindliche” zeigt sich in Schifanos Werken im spielerischen Umgang mit dem künstlerischen Prozess, im Entdecken und Experimentieren. „Vielleicht hat für mich die Kindheit nie aufgehört”, sagt Schifano, „mit Kindheit meine ich die Fähigkeit, die Welt weiterhin mit einem magischen Blick zu betrachten.” Diesen offenen Blick behält er zeitlebens.
Bestellen Sie Einladungen und Flyer in gedruckter Form.
SCHAUWERK Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
71065 Sindelfingen | Germany
Bleiben Sie informiert über Neuigkeiten, aktuelle Ausstellungen und Hintergründe aus dem SCHAUWERK