TV

Schifano lebt in einer Zeit, in der das Fernsehen zum dominierenden Massenmedium wird. Aus einem anfänglichen Luxusgegenstand wird in den 1960er Jahren innerhalb kürzester Zeit ein Alltagsgerät, das Nachrichten und Unterhaltung in die Haushalte bringt.

Für Schifano entwickelt sich das Fernsehen zur regelrechten Obsession. In seiner Wohnung und seinem Atelier verteilt er zahlreiche Geräte, die Tag und Nacht laufen – meist ohne Ton, aber dafür ununterbrochen Bilder ausstrahlend.

Im endlosen Strom der übertragenen Bilder findet der Künstler – der in dieser Zeit eine „Krise der Malerei“ erlebt und zeitweise sogar erwägt gänzlich mit dem Malen aufzuhören – ein neues, unerschöpfliches Repertoire visueller Reize. Dadurch angeregt, beginnt er 1969 Fernsehbildschirme zu fotografieren. Diese Aufnahmen lässt er mithilfe von Fotoemulsion auf Leinwand übertragen und bemalt diese anschließend mit Lasuren aus farbigem Lack. So entstehen hybride Werke zwischen Fotografie und Malerei.

Mit den abgerundeten Ecken der Motive und den sie umgebenden dunklen Rahmen verweisen Arbeiten wie Paesaggio TV (1970) und Inventario (1974) deutlich auf einen Röhrenfernseher und damit den Ursprung der Bilder. Blaue, gelbe oder transparente Acrylglashauben, die über den Gemälden liegen, verstärken den Eindruck eines Bildschirms. Der Maler ist tief fasziniert von dieser neuen, vermittelten Wahrnehmung der Welt.

Schifano bezeichnet den Fernseher mehrfach als seine „Hilfsmuse“. Er wird zu einem Fenster zur Welt, während der Künstler zunehmend zurückgezogen lebt und sein Atelier kaum noch verlässt. Ob Kriegsdokumentationen, Kunstsendungen oder triviale Shows – in seinen Werken spiegelt sich die gesamte Bandbreite der damaligen Fernsehlandschaft wider. Passend dazu wählt er für viele dieser Arbeiten den Titel Paesaggio TV (dt. Fernsehlandschaft).

Auch als Schifano in den 1980er und 1990er Jahren wieder zur Malerei im traditionellen Sinne zurückkehrt, fotografiert er weiterhin exzessiv Bildschirme – oft beiläufig, schief angeschnitten und ohne auf Präzision zu achten. Diese Aufnahmen lässt er im gängigen Format des Kleinbildfilms entwickeln und versieht die Abzüge, wie zuvor seine Leinwände, intuitiv mit Farbtupfern, Markierungen und Übermalungen.

Für die Biennale von Venedig, bei der er 1993 einen ganzen Saal bespielt, schafft Schifano aus diesem Material die großformatige Arbeit Ohne Titel (1993). Das Werk ist ein visuelles Tagebuch, zusammengesetzt aus mehreren Hundert übermalten Fernsehfotos, die zwischen 1983 und 1993 entstehen. Es verdichtet ein gesamtes Jahrzehnt Fernsehen zu einem vielstimmigen Ganzen und erscheint im heutigen Zeitalter der digitalen Bilderflut erstaunlich aktuell.

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